Die Leserin
Bücher können viel, vor allem die Phantasie anregen. Sie lassen den Gedanken freien Lauf und können auch fesseln. Es gibt einige Bücher, die einen auch prägen. Man empfiehlt sie Freunden weiter, liest sie sogar mehrmals oder zitiert sie gerne, je nachdem, was sie bei einem ausgelöst haben. Hier stelle ich einige Bücher vor, die bei mir hängen geblieben sind. Sie sollen zum Lesen motivieren. Vielleicht gefallen sie auch? Die Liste wird laufend erweitert, immerhin ist Dauerlockdown.
Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt.
Hermann Hesse, Heumond
Der Präsident von C. Berger
Zu Lockdownzeiten gesellt sich am Abend verstärkt das Lesen und je länger diese Abende dauern, desto lieber liest man auch Bücher, die ein wenig tagesaktuell erscheinen. Der Präsident knüpft zwar an eine amüsante Doppelgänger-Story des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und seiner Frau an, dennoch wird auch Trump kurz zum Thema und der ist schließlich bei noch vielen von uns in den Köpfen. Es ist erstaunlich, wie viele Parallelen sich in diesem Roman zur heutigen Zeit befinden. Es geht unter anderem auch um den Klimawandel. Es wird geschwitzt, so viel können die Klimaanlagen gar nicht die US-Wohnzimmer kühlen. Es wird jedoch auch debattiert und intrigiert. Kurz gefasst: Ein Ex-Polizist wird mit 55 Jahren aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem ehemaligen Schauspieler und Republikaner R. Reagan von einer Agentur zum offiziellen Doppelgänger gekürt und fortan gebucht für Events, die der richtige Reagen nicht wahrnehmen kann. Er ist den Menschen sympathisch und verselbstständig sich ob seiner Beliebtheit gar am Ende, was tragisch endet. Das Lustige: zum österreichischen Burgenland gibt es in der Geschichte eine Verbindung und es wäre nicht amerikanisch angehaucht, würde es nicht herzzerreißend enden. Viel Spaß!
Unterm Rad von Hermann Hesse
Hermann Hesse war Schullektüre und ist sicher nicht immer einfach zu verstehen, dennoch finde ich Hesse als grundlegende Lektüre für uns alle. Im „Unterm Rad“ spielt eine Menge Psychologie die Hauptrolle, wenngleich auch eigene nicht gut verarbeitete Erlebnisse Hesses angeblich zum Buch führten. Es geht im Buch um Hans Giebenrath. Er ist außergewöhnlich begabt und somit steht fest, aus ihm soll etwas Besonderes werden, deshalb bereitet er sich eifrig auf die Aufnahmeprüfung für das theologische Seminar vor. Auch seine Lehrer und der Pfarrer sind sichtlich stolz auf ihn und geben ihm bereitwillig zusätzlichen Unterricht. Der Junge besteht die Aufnahmeprüfung, bricht aber im Seminar schließlich überarbeitet zusammen und muss schlussendlich den TrUm oder mehr die Bestimmung aufgeben. Unter seinem vermeintlichen Versagen leidend, beginnt er eine Mechanikerlehre. Schließlich findet man ihn tot im Fluss. War es Selbstmord, war es doch ein Unfal - diese Frage bleibt in der Erzählung offen. Hesses Roman schildert eindringlich, wie ein junger Mensch durch den Ehrgeiz seiner Umwelt immer mehr angestachelt wird, bis er schließlich an deren Anforderungen zerbricht, es scheint aktueller denn je zu sein. Der Text ist eine flammende Anklage gegen ein Bildungssystem, das nur auf stures Lernen setzt und darüber die anderen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen vernachlässigt. Das Buch ist vor über 100 Jahren erschienen.
Hundert Jahre Einsamkeit von G.G.Márquez
In den Büchern von Gabriel García Márquez kann man sich verlieren und wen es nicht stört, auch einmal ausschweifend detailliert Sätze zu lesen, der findet sehr schnell großen Gefallen an seinen Büchern. Vielleicht passt 100 Jahre Einsamkeit derzeit besser als jemals zuvor in die Leseecke. Es geht um Familie und um Siege und Niederlagen. Es geht um Stolz und Zerstörungswut. Die Tragik seiner Romane und Figuren erlebt man, als ob man selber mitspielt in den Geschichten, die voller Leidenschaft sind und auch die unerträgliche Hitze Südamerikas kommt in keinen anderen Büchern so stark zum Vorschein wie in denen von Márquez.
Hundert Jahre Einsamkeit erzählt die Geschichte der Familie Buendía und dem Hauptschauplatz, dem Dorf Macondo. Dieses Paradies auf Erden entwickelt sich jedoch zum Schauplatz des Niedergangs. Der einstige herbeigesehnte Mikrokosmos veranschaulicht die Tragik des Lebens. Wie in der Bibel gibt es Sünde und schließlich Exodus. Márquez ist hiermit wie allgemein gekannt ein schriftliches Meisterwerk gelungen. Wer einmal seine Bücher gelesen hat, der wünscht sich mehr herbei.
Die Naschmarkt-Morde von G. Loibelsberger
Es gibt selten Bücher, die man so gerne an andere weiterveschenkt, wie die vom österreichischen Autor G. Loibelsberger. Als erstes habe ich die Naschmarkt-Morde gelesen und finde nicht nur die permanente Übersetzung des Wienerischen als Fußnote gelungen; neben der eigentlichen Aufgabe vom Kommissar Nechyba, dem Inspector des kaiserlich-königlichen Polizeiagenteninstituts in Wien, geht es fast nur ums Essen. Nechyba isst was er kann und das mit Genuss. Man erlebt die österreichisch/ungarische Küche nirgends so hautnah und schmackhaft wie in diesen Roman und bekommt Appetit auf Beuschel, Palatschinken oder ein ordentliches Gabelfrühstück. Und Sätze wie: „Einen Goldblatt mit einem doppelten Trebernen, für den Herrn...“, krähte der Pikkolo zum Marquer hinüber...sind Musik in den Ohren bzw. Augen, wenn man Wien und seine Sprache liebt.
IQ84 von H. Murakami
Normalerweise lese ich die japanischen Romane von H. Marukami sehr gerne, so auch IQ84. Allerdings habe ich an diesem Roman 2 Jahre gelesen und erst im Lockdown 1 ein Ende gefunden. Murakami schreibt spannend und dieser Roman ist es auch, nur oft langatmig. Er spielt im Japan von 1984. Aomame, eine der Hauptpersonen in diesem Thriller/Roman, ist darauf spezialisiert zu töten, ohne es nachweisen zu können. Wie? Mittels einer Nadel, die sie gekonnt an nur eine richtige Stelle am Nacken platziert. Sie ist so etwas wie eine Auftragsmörderin, aber für die Gerechtigkeit. Tango, ein Hobby Schriftsteller, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Seine Aufgabe ist es, einen schlecht entworfenen Roman zu überarbeiten, um der eigentlichen Autorin zu einem Literaturpreis zu verhelfen. Der Text ist originell, um den es geht. Aber was steckt hinter ihm und der Autorin. Gibt es eine Parallelwelt, in die die Auftragskillerin gerät? Es ist sicher ein Meisterwerk Murakamis, aber man muss dem oft eintönig wirkendem Leben des Buches Gefallen schenken. Ein Stück Japan, wie im echten Japan. Nicht jedermanns Sache.
Unter Leuten von J. Zeh
Julie Zeh ist als Autorin sehr bekannt und ich habe alle Bücher von ihr gelesen. Sie kann einen fesseln, auch bei Unter Leuten und das auf über 600 Seiten. Wer die Ödnis Brandenburgs kennt, wer eventuell in der Schule sogar T. Fontane lesen musste, hat eine Vorstellung der Dörfer rund um Berlin. Und immer öfter leist man von ambitionierten Städtern, die gerne aufs Land ziehen und meinen, Strukturen aufbrechen zu können, alleine durch den blanken Willen. Aktueller denn je ist Unter Leuten in diesen Zeiten, in denen Corona zur Stadtflucht verhilft und der Klimawandel in alternative Energien treibt - doch um welchen Preis? Die Antwort liefert vielleicht ihr neuestes Werk aus 2021, Über Menschen, das jetzt erschienen ist.
Kurz gefasst: ...Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der brandenburgischen Ortschaft Unterleuten errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist … und das erste Opfer fällig ist.
Karte und Gebiet von M. Houellebecq
"Ich glaube an das Böse“, fuhr Jed im gleichen Ton fort. „Ich glaube an Schuld und Strafe.“ „Glauben Sie an den exemplarischen Charakter von Strafen?“, fragte er um Jed zu ermutigen.
Im wirklich fantastisch gut geschriebenen Roman aus 2010 von M. Houellebecq geht es um Jed Martin, er ist Künstler. In seinen ersten Arbeiten stellt Jed Straßenkarten und Satellitenbilder gegenüber, zum Durchbruch verhelfen ihm jedoch Porträts. Einer der Porträtierten: "Michel Houellebecq, Schriftsteller". Doch dann geschieht ein grausames Verbrechen: ein Doppelmord, verübt auf so bestialische Weise, dass selbst die hartgesottenen Einsatzkräfte schockiert sind. Die Kunst, das Geld, die Arbeit. Die Liebe, das Leben, der Tod: Davon handelt dieser Roman und er kann Fans von H. begeistern, so wie mich. Und auch wenn die Bücher von H. oft umstritten sind, so regen sie doch gleichzeitig zur Diskussion an. Keine einfache Lektüre, aber genau das machen seine Romane und Schriften ja so einzigartig.